DOGON Hermaphrodite Ancestor Figur
Eine schlanke, aufrecht stehende Holzfigur (19.–20. Jh., 34 cm) der Dogon aus Mali. Stilistisch zeichnet sich das Werk durch den helmartigen Kopf mit markantem Sagittalkamm, weit hervorstehenden Augen und einer charakteristischen, stegartigen Verbindung zwischen Kinnpartie und Brust aus, die als stilisierter Bart oder Lippenpflock gelesen werden kann. Die Ausprägung sowohl weiblicher (Brüste) als auch männlicher (prominenter Phallus) Geschlechtsmerkmale legt eine rituelle Bedeutung der Figur nahe. Das Holz trägt die für das Bandiagara Escarpment typische trockene, oxidierte Patina mit tiefen Umweltrissen.
1. Dualismus und der Nommo
Das Vorhandensein sowohl männlicher als auch weiblicher Geschlechtsmerkmale verweist auf den Schöpfungsmythos der Dogon, der in der von Marcel Griaule dokumentierten – und später von Walter E.A. van Beek kritisch hinterfragten – Kosmologie oft als Repräsentation der primordialen Nommo-Schöpferwesen gedeutet wird.
- Ursprüngliche Ganzheit: Die von der höchsten Gottheit Amma geschaffenen ursprünglichen Wesen - die Nommo - waren hermaphroditisch und besaßen die in der Mythologie beschriebene ungeteilte Ganzheit beider Geschlechter.
- Kosmisches Gleichgewicht: Diese androgyne Ahnenfigur wird oft als Verkörperung des Urzustands der Ganzheit interpretiert und repräsentiert eher das universelle Gleichgewicht als einen einzelnen Menschen.
2. Heiligtümer der Schöpfung
Solche Figuren werden auf Altären aufgestellt, die Amma oder den Ahnen in bestimmten Kontexten gewidmet sind. Die starke Abrasion der feinen Zickzack-Skarifizierungen auf dem Abdomen und den Wangen spricht dabei für einen langen rituellen Gebrauch und natürliche Witterungseinflüsse.
- Fertilität und Versöhnung: Zwitterfiguren tauchen in Ritualen auf, bei denen es um Fruchtbarkeitsfragen und die Beilegung schwerer Streitigkeiten in der Gemeinschaft geht.
- Wiederherstellung der Harmonie: Durch die Anrufung des Dualismus des Nommo versucht die Gemeinschaft, Brüche in der menschlichen Welt durch die grundlegenden Kräfte der Schöpfung zu reparieren.
3. Bandiagara Verwitterung
Material und Oberfläche sind vereinbar mit einem höheren Alter. Die Oberflächenbeschaffenheit ist charakteristisch für eine langfristige Lagerung in Dogon-Felsenschreinen.
- Matte, staubige Oxidation: Eine langjährige Lagerung in der trockenen, geschützten Umgebung der Bandiagara-Klippen führt zu einer charakteristischen pulverförmigen Oxidation und hinterlässt Reste einer verkrusteten, trockenen Opferpatina.
- Längsrisse: Massive vertikale Schwundrisse, die sich durch den gesamten Kopf und Torso ziehen, weisen auf einen natürlichen Alterungsprozess der lokalen Harthölzer im malischen Klima hin.
Zusammenfassung
Als Symbol ursprünglicher Ganzheit veranschaulicht diese Dogon-Hermaphroditenfigur die philosophische Tiefe der malischen Kosmologie. Ihre auffälligen doppelten Geschlechtsmerkmale und die charakteristische sahelische Verwitterung, die mit einer Entstehung im 19. bis 20. Jahrhundert vereinbar ist, machen sie zu einem anschaulichen Stück ethnografischer Geschichte.



